Eine Rede

Wir dokumentieren an dieser Stelle einen Beitrag, den unsere Prohliser Ortsbeirätin Julia Günther am 6.11.2015 auf der 45. Landesversammlung BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Großenhain gehalten hat. Ja, er ist bereits ein Jahr alt! Und ja, er ist immer noch aktuell!

Liebe Freundinnen und Freunde,
in meiner Kindheit verbrachte ich viel Zeit bei meiner Oma.
Sie pflegte stets zu sagen:
„Kind, wo sind wir hingekommen?“
Damals fand ich das altmodisch.
Oma erzählte oft aus den dreißiger Jahren und wie es zuging, als Hitler mittels der SA an die Macht kam. Insbesondere ihre Schilderungen der Reichspogromnacht sind mir in Erinnerung.
Dieser Tage denke ich oft an ihren Seufzer:
„Kind, wo sind wir hingekommen?“

Beispielsweise, wenn ich Montagabend in Dresden überlege, welchen Weg ich nehme, um nicht in PEGIDA zu geraten.
Nein, man muss keine andere Hautfarbe haben oder auf dem Land leben, um in Schwierigkeiten zu kommen.
Das bloße Fotografieren der bunt beflaggten Semperoper, während PEGIDA die Bühne aufbaut, reicht aus, um beäugt zu werden.
Auch genügt es, sich für Geflüchtete zu engagieren, um ins Visier der Rechten zu geraten.
Selbst Dialogangebote an die Bevölkerung zum Thema Asyl rufen zunehmend enthemmte, vermeintlich besorgte Bürger auf den Plan.
Die Polizei ist nicht in der Lage, ein als Versammlung angemeldetes Dialogangebot zu schützen.
Der EINE abgestellte Streifenpolizist tut, was er kann und telefoniert 45 Minuten lang, um DREI Beamte Verstärkung zu bekommen.
Es kommt, wie es kommen muss, der Mob eskaliert, überrennt die Versammlung, entwendet unser Transparent und verschwindet in der Dunkelheit, um später noch stärker alkoholisiert und noch gewaltbereiter wiederzukommen.
So geschehen am 9. Oktober 2015 in Dresden-Prohlis.
Ob die Polizei nicht kann oder nicht will? Ich mag das nicht beurteilen.
Das Ergebnis dieses Versagens ist jedoch, dass Rassismus und Gewalt hingenommen, ja salonfähig werden.

Bei ihren Aufzügen werden die selbsternannten „Retter des Abendlandes“ gut geschützt gegen geblendete, abgefilmte und gekesselte Gegendemonstranten.
Infolgedessen wähnen sie sich auf der Seite des Rechtsstaats.
Gewalt und Rassismus haben offen Einzug in unseren Alltag gehalten.

Eine unserer Dresdner Delegierten hat seit Jahren einen „NO RACISM“-Aufkleber an ihrem Fahrrad, das nachts im Hausflur eines Altbaus steht.
Seit einiger Zeit sind nun Zettel am Rad. Darauf steht zum Beispiel: „Verpiss dich, du linksgrünversiffte Ökoschlampe!“

Ortsbeiratssitzungen in Dresdner Randbezirken werden nach Mobilisierung seitens rechtskonservativer und rechtsradikaler Stadträte, CDU und FDP inbegriffen, durch brüllende Horden regelrecht heimgesucht.
Verabredungen dazu erfolgen auch spontan per WhatsApp oder SMS.
Dann wird schon mal der Hitlergruß gezeigt, ohne, dass es Konsequenzen hat.

Journalisten werden bedroht, ihre Autos beschädigt.
Wenn die Tagesordnung brisant ist, haben wir Polizeischutz.
„Rote Drecksau“ und „Volksverräter“ schreit der Mob uns an, wir Ortsbeiräte kommen selten zu Wort.
Die Polizistin, die knapp hinter unseren Stühlen steht, wird von der aufgeheizten und skandierenden Menge mehrfach abgedrängt. Das Holster ihrer Dienstwaffe berührt immer wieder meine Schulter.
Bei den Sitzungen werden unsere Namensschilder in Augenschein genommen und genau studiert.

„Merkt euch die Namen, merkt euch die Gesichter!“, hieß es schon einmal!

„Wehret den Anfängen!“, geht es mir immer wieder durch den Kopf!
Das ist auch das Motto von „Herz statt Hetze“, am Montag, dem Jahrestag der Reichspogromnacht.
Wieder einmal und nach langem Schweigen ist es auch den sächsischen Kirchen aufgefallen, dass ein Zeichen gegen Gewalt und Rassismus her muss.
Eine Kerze, ein Licht für die Menschlichkeit, soll sich jeder ins Fenster stellen.

„Wer soll denn jetzt noch bei so was mitmachen? Am Ende schmeißen die mir noch die Scheiben ein“, so die spontane Reaktion einer sonst taffen Freundin.
„Kind, wo sind wir hingekommen?“, würde Oma sagen.
Viele haben Angst letztlich auf der ungeschützten Seite zu stehen und werden sich wohl überlegen, ob sie die Courage für das Licht im Fenster aufbringen oder es aus Angst vor Pogromen lassen.
Die Adventszeit steht vor der Tür.
In christlicher Tradition werden hoffentlich viele Kerzen angezündet und sichtbar in den Fenstern stehen.

Das wäre dann das Abendland, in dem ich leben könnte.

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