„In Dresden wurde der Anfang gemacht“

Für ein mahnendes Gedenken an die erste Bücherverbrennung am 7. März 1933 in Dresden

von Konrad Krause

Am 10. Mai jährte sich die Bücherverbrennung der Nazis zum 85. Mal. Doch trifft der Begriff „die Bücherverbrennung“ den Gegenstand, den er beschreibt? Ist er nicht vielmehr irreführend und suggeriert eine stringent von oben nach unten durchgeplante, einmalige Aktion? Einheitliche Planung. Ein Datum. Ein Urheber. Hitler war‘s?

So einfach scheint die Lage nicht zu sein. Man käme der Sache ein Stück näher, wenn man von „den Bücherverbrennungen“ spricht, also im Plural. Die erste dieser reichsweit über 100 Bücherverbrennungen „wider den undeutschen Geist“ fand bereits am 7. März statt, vor der Volksbuchhandlung an der Großen Meißner Straße, mitten im Zentrum von Dresden. Einen Tag später loderten die Flammen am Wettiner Platz, vor dem damaligen Verlagshaus der SPD, in dem heute übrigens Bündnis 90 / Die Grünen sitzen. Eine dritte Bücherverbrennung organisierte der NS-Studentenbund am 10. Mai, sekundiert von der Leitung der Technischen Hochschule (TH) Dresden und medial unterstützt von den Dresdner Neuesten Nachrichten sowie weiteren prominenten Dresdner Akteuren.

Dresden als Vorreiterstadt rechtsextremen Terrors – das war schon vor Pegida der Fall. Doch zwei der drei Termine, der 7. März und der 10. Mai, sind nahezu komplett in Vergessenheit geraten, obwohl sie im Nachhinein nicht ganz irrelevant sind. Der 7. März steht, wie bereits erwähnt, für die überhaupt erste der über 100 Bücherverbrennungen im Reichsgebiet. Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 fand an der Bismarcksäule in Räcknitz statt, einem damals beliebten Dresdner Ausflusziel. Sie reiht sich ein in eine Reihe von Bücherverbrennungen im Rahmen der vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund organisierten „Aktion wider den undeutschen Geist“, von denen die auf dem Berliner Opernplatz inzwischen als Teil des kollektiven Gedächtnisses bezeichnet werden kann.

Wahrscheinlich liegt die Ursache für das nahezu völlige Vergessen des 7. März und 10. Mai in der DDR-Geschichtsschreibung. Denn beide richteten sich nicht explizit gegen sozialistische oder sozialdemokratische Akteure, sondern gegen eine Reihe weiterer Autoren mit jüdischem oder anderweitig missliebigem Hintergrund.

Interessant ist auch, dass die Geschichtsschreibung nach 1945 die Bücherverbrennung am Wettiner Platz zunächst auf den 10. Mai umdatierte. Die im Mai 1948 am Wettiner Platz 10 angebrachte Gedenkplatte trug daher über Jahre das falsche Datum. Als Täter werden die „faschistischen Barbaren“ benannt. Also: Einheitliche Planung. Ein Datum. Ein Urheber. Hitler und irgendwelche Barbaren waren‘s. Dass dieses frühe Zeugnis des Zivilisationsbruchs der NS-Herrschaft viel ungeordneter und mit einer verblüffend breiten Zustimmung bei den Dresdner Eliten daherkam, passte nicht recht zum verordneten DDR-Geschichtsbild. All dies ist Teil einer selektiven Erinnerungskultur, die auch heute noch den Weg zu ehrlicher Aufarbeitung und Reflexion über den Nationalsozialismus in Dresden erschwert.

Umso wichtiger ist es, die beiden anderen Bücherverbrennungen in Dresden ins Gedächtnis zurückzuholen. Ob als Schulprojekte, Gedenksteine oder in welcher konkreten Form auch immer: 85 Jahre nach den Bücherverbrennungen wird es höchste Zeit, die beiden vergessenen Bücherverbrennungen in Dresden wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und sichtbar zu machen.

Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits 2013 titelte: „In Dresden wurde der Anfang gemacht“. Wir sollten uns für ein mahnendes Gedenken an diese Anfänge einsetzen. Gerade in Dresden. Gerade jetzt.

Bilder (externe Links):

Bücherverbrennung am Wettiner Platz, 8. März 1933

Gedenktafel mit falschem Datum, Mai 1948

Gedenktafel heute

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